• Nico (adaptiert aus D. Schnarch

Differenzierung (2. Teil) - Das Gegenteil von emotionaler Verschmelzung


"Differenzierung ist die Fähigkeit, im engen Kontakt zu einem Menschen, der dich möglicherweise zur Angleichung an seine Bedürfnisse und Fähigkeiten drängt, dir selbst treu zu bleiben. Deshalb ist Differenzierung die Grundlage für die Intimität innerhalb einer festen Paarbeziehung. Das übliche Muster ist freilich, dass die Partner eine emotionale Verschmelzung eingehen und einander umzumodeln versuchen, damit sie mit ihren Ängsten besser zurechtkommen und das eigene Identitätsempfinden stabil halten. Dagegen setzt echte Intimität voraus, dass du 'an dir festhältst'.“ (Schnarch, 2006, S. 129)

Emotionale Verschmelzung steht der Differenzierung diametral gegenüber. Sie ist eine meist unbewusste, aber nichtsdestotrotz besonders hartnäckige Form des emotionalen Verbundenseins: Verbundenheit ohne Individualität. Nach Schnarch liegen den meisten Paarkonflikten Verschmelzungsphantasien zugrunde - die Vorstellung, dass in einer glücklichen Paarbeziehung alles synchron von statten gehen müsse, als hätten die beiden Partner vollständig in einem grösseren Ganzen aufzugehen.

Menschen in einer Verschmelzungsbeziehung haben es verlernt, ihr Leben selbst zu steuern und lassen sich von ihrem Partner bestimmen. Eine Verschmelzung geht mit der Gefahr einher, dass die Partner nicht mehr als Individuen existieren, als eigenständige Personen mit eigenen Wünschen, Rechten und Pflichten, sondern sich – ähnlich wie bei einer Bluttransfusion – gegenseitig zur Stabilisierung des eigenen Selbstgefühls benutzen.

Die eigentliche Transfusion besteht darin, dass sich die Partner gegenseitig Funktionen übertragen, um ihr eigenes Identitätsempfinden, ihren eigenen Selbstwert zu stabilisieren und zu stützen: Wenn sich z.B. unser Partner schwer tut, Entscheidungen zu treffen, machen wir uns dessen "Unzulänglichkeit" zunutze, anstatt die Verantwortung beim ihm zu belassen, für die Konsequenzen seines Verhaltens (seine Nicht-Entscheidungen) gerade zu stehen. Indem wir das Ruder in die Hand nehmen und ihm seine Entscheidungen abnehmen, nutzen wir die Schwäche des Partners, um uns selbst besser zu fühlen. Es findet eine Funktionsübertragung, eine Transfusion von unserem Partner (Spender) zu uns (Empfänger) statt. Durch diesen "Kunstgriff" wird unser eigenes psychisches Funktionsniveau herauf- und das des Partners herabgesetzt. Indem wir dem Partner Dinge abnehmen, für die er als erwachsener Mensch selbst die Verantwortung tragen sollte, versetzen wir uns in die Rolle des überlegenen Erwachsenen und den Partner in die Rolle des bedürftigen Kindes. Aus einer Beziehung auf Augenhöhe wird ein Machtgefälle, eine Eltern-Kind-Beziehung (bzw. Mutter-Sohn-, Vater-Tochter-Beziehung).

In der Regel handelt es sich dabei um ein dynamisches Geschehen, d.h. die Partner benutzen und/oder erniedrigen sich dabei in unterschiedlichen Lebensbereichen gegenseitig zur Stabilisierung ihres eigenen Selbstgefühls: Der eine möchte beispielsweise vom Partner geliebt und wertgeschätzt werden und ist bereit, alles dafür zu tun, ihr/ihm jeden Wunsch zu erfüllen. Der andere erhebt vielleicht den Anspruch auf die ständige Anwesenheit und Verfügbarkeit des Partners als emotionaler (und/oder materieller, finanzieller) "Dienstleister" und ist der Überzeugung, sein vermeintliches "Anrecht" auf diese Privilegien auch ungeachtet der Bedürfnisse des Gegenübers durchzusetzen.

Damit aber noch nicht genug: Ein Partner, der dem anderen Halt gibt, indem er ihm beispielsweise bei seinen unbewältigten Problemen „hilft“, zieht seinen Selbstwert aus dieser Funktion als Helfender und benutzt den Partner, um „gebraucht zu werden“. Diese vermeintliche „Hilfe“ und „Unterstützung“ geschieht aber nur scheinbar aus altruistischen Motiven: In Wirklichkeit ist es in einer Abhängigkeitsbeziehung nie in unserem Interesse, dass sich der Partner verändert und eigenständiger wird, weil ja unser Selbstgefühl vom Partner bzw. von unserer Interaktion mit ihm abhängig ist. Würde der Partner sich tatsächlich dahingehend verändern, dass er lernt, sich selbst zu helfen, wäre er nicht mehr (so sehr) auf unsere Unterstützung angewiesen und es wäre nicht mehr garantiert, dass wir als Hilfeleistender unser Selbstgefühl weiterhin durch ihn stabilisieren könnten.

Wenn wir uns nicht damit zufrieden geben, begehrt zu werden, sondern es darüber hinaus brauchen, „gebraucht zu werden“, werden wir, solange der Partner seine Entwicklungsmöglichkeiten und seine Freiheit, sich zu verändern, nicht von selbst wahrnimmt, darauf achten, dass sich nichts an der Situation verändert, so dass die Funktionsübertragung aufrecht erhalten werden kann. Oberflächlich betrachtet mag es dann so aussehen, als ob wir den Partner in seiner Eigenständigkeit unterstützen. Aber in Wirklichkeit arbeiten wir bloss darauf hin, diese fortwährend zu untergraben.

Auch dieser Zwang, den Status quo möglichst nicht anzutasten, betrifft in der Regel beide an der emotionalen Verschmelzung beteiligten Partner: Während sie ihm vielleicht bei seinen unbewältigten Problemen „hilft“, versucht er möglicherweise, sie „glücklich“ zu machen, indem er darauf bedacht ist, alle ihre Wünsche zu erfüllen und sich so als „fähiger“ Ehemann bestätigt und anerkannt fühlt. Da das Selbstgefühl beider vom Gegenüber abhängig ist bzw. auf der emotionalen Verschmelzung beruht, tendieren in einer solchen Beziehung beide Partner dazu, ihr Erlebens- und Verhaltensrepertoire auf ein Minimum zu reduzieren, um das Selbstgefühl, das sie aus dieser Verbindung ziehen, nicht zu gefährden.

Eine echte wechselseitige Unterstützung der Partner wirkt sich völlig anders aus als eine Funktionsübertragung: Im Gegensatz zur Pseudo-Differenzierung der Funktionsübertragung, bei der das psychische Funktionsniveau des einen angehoben und das des anderen herabgesetzt wird, zeigt sich echte Gegenseitigkeit darin, dass der eine Partner seine eigenen Ziele zugunsten der Ziele des anderen Partners aus eigener Überzeugung zurückstellen kann. Durch dieses Opfer, das idealerweise von beiden Partnern immer dort, wo es sinnvoll ist, dargebracht wird, wird das psychische Funktionsniveau beider angehoben. Im Unterschied zur Funktionsübertragung, bei der das Funktionsniveau des einen Partners künstlich angehoben wird und dieser nur scheinbar eine höhere Differenzierungsstufe erreicht, handelt es sich hierbei um eine echte und stabile Differenzierung.

Beispielsweise könnte der entscheidungsgehemmte Partner zur Überzeugung kommen, dass es mit seiner Entscheidungsfähigkeit tatsächlich nicht zum Besten steht und sich damit auseinandersetzen, warum das so ist. Er eröffnet sich damit die Möglichkeit, sich mit seinem Verhalten zu beschäftigen und zu erforschen, welche Widerstände und Ängste möglicherweise dahinter stecken. In der Auseinandersetzung kommt er dann vielleicht zum Schluss, dass es einer erwachseneren Haltung entsprechen würde, seine Entscheidungen nicht mehr dem anderen zu überlassen, sondern die Zügel in seinem Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen, inmitten der Ängste, die damit verbunden sind.

Leider erleben die meisten Menschen das Erhalten emotionaler Unterstützung als erhebenderes Gefühl, als die Möglichkeit, in sich selbst Halt zu finden. Nicht wenige verwechseln emotionale Abhängigkeit und die damit verbundenen Gefühle gar mit "Liebe". Der kurzfristige Vorteil liegt auf der Hand: Keiner von beiden muss sich je auf seine "eigenen Beine stellen", sondern lässt sich (emotional und/oder materiell) vom anderen "tragen". In einer Abhängigkeitsbeziehung gibt jeder Partner seine Verantwortung an den anderen ab und kommt darum herum, sich mit seinen tiefer sitzenden Ängsten herumzuschlagen.

Dafür bezahlen wir einen hohen Preis: Je weniger wir uns selbst Halt geben können und je mehr wir unser Selbstgefühl von unserem Partner abhängig machen, desto schwieriger wird es, im Prozess der Differenzierung voranzuschreiten und desto mehr entfernen wir uns von unserem "wahren Selbst", davon wer wir wirklich sind (jenseits unserer konditionierten Muster und Ängste).

Differenzierung bedeutet, auch im engen emotionalen und körperlichen Kontakt dem anderen nahe zu sein und gleichzeitig an dir selbst festzuhalten und dein Selbstgefühl zu bewahren. Es geht darum, deine eigenen Wünsche nach Bindung und Autonomie immer wieder von Neuem in Kontakt mit dem Partner auszubalancieren. Eine reife Liebesbeziehung kann nur dann gelingen, wenn wir uns selbst darum kümmern, dass es uns gut geht

Welche Eigenschaften es braucht, um diese Balance herzustellen, ist Thema des nächsten Posts.

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