• Nico (adaptiert aus D. Schnarch

Differenzierung (1. Teil) - Die liebevollste Art mit dir und deinem Gegenüber umzugehen


Weil die Differenzierung ein so zentraler und gleichzeitig komplexer Prozess ist, der oft missverstanden wird, möchte ich hier einige wichtige Punkte dazu klären:

Wer darauf besteht: „Lass mich ich selbst sein!“, „Lass mir meine Freiheit!“ oder „Ich brauche meinen Freiraum!“, der ist in seiner Differenzierung keineswegs weit fortgeschritten - ganz im Gegenteil. Er hat Angst, sich in einer Beziehung „aufzulösen“ und vom Partner „verschlungen“ zu werden. Manche gehen in dieser Situation auf Distanz, andere sorgen dafür, dass die Beziehung ständig in Aufruhr ist. Wiederum andere halten sich mehrere Optionen offen, um nicht von einem einzigen Partner „abhängig“ zu sein. Tatsächlich ist das Abstecken der eigenen Grenzen zu Beginn des Differenzierungsprozesses ein ganz wichtiger Schritt. Dazu gehört aber auch, dass du die Beziehung aufrechterhältst, also die damit verbundene Nähe und eine gewisse Einengung Deines Spielraums annimmst. Menschen mit geringem Differenzierungsgrad halten sich jedoch immer ein Hintertürchen offen und nehmen Reissaus, sobald die Beziehung so wichtig für sie wird, dass sie das Gefühl bekommen, in der Falle zu sitzen. Der Differenzierungsprozess kommt aber gerade dadurch voran, dass Du innerhalb einer engen emotionalen Beziehung zu dir selbst stehst.

Differenzierung drückt sich darin aus, dass Dein Selbstgefühl nicht in sich zusammenfällt, wenn Dein Partner nicht da ist oder Du nicht in einer Liebesbeziehung lebst. Der Kontakt zu anderen ist wertvoll für Dich, aber Du zerbrichst nicht am Alleinsein.

Die Differenzierung ist zu unterscheiden von anderen Begriffen, die auf den ersten Blick dasselbe zu meinen scheinen. „Individualismus“ ist etwas völlig anderes, nämlich ein ichbezogenes Streben, das uns von anderen abheben soll. Während Differenzierung uns befähigt, enge und vertraute Beziehungen einzugehen und aufrechtzuerhalten, scheuen „hartgesottene Individualisten“ vor solchen Beziehungen gänzlich zurück. Menschen mit einem hohen Differenzierungsgrad pochen auch nicht verbissen auf ihre Autonomie oder Unabhängigkeit, sondern richten sich darauf ein, dass der Partner auf sie zählt und bedenken mit, was er braucht und was ihm am Herzen liegt. Differenzierung ist die Fähigkeit, das Bedürfnis nach Individualität und das Bedürfnis nach dem Miteinander in ein Gleichgewicht zu bringen.

Ein differenziertes Selbst ist stabil, aber durchlässig und befähigt uns, dem Partner selbst dann nahe zu bleiben, wenn er uns umzumodeln oder zu manipulieren versucht. Wenn unsere Wertvorstellungen und Überzeugungen auf einem festen Fundament ruhen, dann können wir uns ändern, ohne unsere Identität einzubüssen. Wir können Impulse von anderen aufnehmen und uns auf neue Informationen und Gegebenheiten einstellen. Mach Dir allerdings klar, dass diese flexible Identität sich nur langsam, in einem inneren Prozess der sorgfältigen Abwägung und Prüfung entwickelt – und sich nicht einstellt, wenn wir uns einfach nur an Situationen anpassen oder uns nach den Wünschen anderer richten. Und selbstverständlich stellt sie sich auch dann nicht ein, wenn wir auf sicherer Distanz bleiben und die zur Entwicklung der Differenzierung benötige Nähe und das Eingehen auf den Gegenüber gar nicht erst zulassen.

Differenzierung führt nicht zu einem Nachlassen Deiner Gefühle und Empfindungen. Du kannst dich auf Deinen Partner einlassen, ohne Angst zu haben, von seinen Emotionen aufgesogen zu werden. Du bist in der Lage, deine eigenen Emotionen (und die deines Partners) sowohl subjektiv als auch objektiv einzuschätzen. Du hast starke Empfindungen, ohne dass du völlig davon beherrscht wirst oder deine Identität darüber definierst.

Differenzierung fördert Selbstbestimmtheit, nicht Egoismus. Selbstbestimmung heisst nicht, dass die eigenen Interessen für dich immer an erster Stelle stehen, sondern in der eigenen Entwicklung voranzuschreiten und zugleich das Wohlergehen des Partners im Blick zu haben. Du kannst dich bewusst dafür entscheiden, dich von den Interessen deines Partners leiten zu lassen, selbst wenn das kurzfristig auf Kosten deiner eigenen Ziele geht. Dabei hast du nicht das Gefühl, dich sklavisch den Bedürfnissen anderer unterzuordnen. Und selbst wenn, wärst du in der Lage, solche Gefühle zu beruhigen und abzubauen, um dich einer objektiveren Beurteilung der Situation zuzuwenden. Wenn der Grad deiner Differenzierung wächst, wird dir immer bewusster, dass die Menschen, denen du zugetan bist, eigenständige Wesen sind – genauso wie du selbst. Was diese Menschen wollen, wird für dich ebenso wichtig wie das, was du selbst willst; ihre Interessen stehen für dich auf einer Stufe mit deinen eigenen. Du kannst ihre Perspektive nachvollziehen und selbst dann respektieren, wenn sie mit deinem eigenen Standpunkt unvereinbar sind.

Differenzierung ist der Schlüssel zur Wechselseitigkeit. Diese Geisteshaltung ist die Lösung für den zentralen Konflikt jeder Beziehung: Wir können in der eigenen persönlichen Entwicklung voranschreiten und zugleich das Glück und Wohlergehen des Partners im Blick haben. Differenzierung ermöglicht es, innerhalb einer Beziehung gleichzeitig unabhängig und abhängig von der anderen Person zu existieren und handeln.

Menschen, deren Differenzierungsfähigkeit gut ausgeprägt ist, können mit anderen einig sein, ohne das Gefühl zu haben, sich dabei selbst zu „verlieren“ oder anderer Meinung sein, ohne sich dabei isoliert oder sich "gekränkt" (nicht angenommen) zu fühlen. Sie sind in der Lage, den eigenen Kurs auch dann zu halten, wenn der Partner, enge Freunde oder Familienmitglieder Druck auf sie ausüben, damit sie einlenken und mit ihnen konform gehen. Sie brauchen sich, um ihrem Selbstgefühl treu bleiben zu können, einer solchen Situation nicht zu entziehen. Differenzierung ist die Fähigkeit, dem Gegenüber nahe zu sein, ohne von ihm vereinnahmt zu werden.

Ist hingegen die Differenzierungsfähigkeit schwach ausgeprägt, speist sich unsere Identität in hohem Masse aus einem gespiegelten Selbstgefühl. Das heisst, wir sind dann ständig auf die bestätigende Reaktion des anderen und dessen Übereinstimmung mit uns angewiesen – oder auch dessen Nicht-Übereinstimmung: Über Probleme reden oder Argumentieren kann auch ein Mittel sein, sich zu vergewissern, dass die andere Person noch da ist – und erfüllt somit eine Doppelfunktion. In jedem Fall machen wir unser Selbstgefühl von der Beziehung abhängig. Wir entwickeln eine von äusseren Umständen bzw. von der Reaktion des Partners abhängige Identität. Umgekehrt sind wir ausserstande, in unbeständigen oder ungewissen Situationen ein klares Empfinden dafür zu bewahren, wer wir sind.

Differenzierung ist die Fähigkeit, im engen emotionalen und/oder körperlichen Kontakt zu anderen ein stabiles Selbstwertgefühl zu wahren – insbesondere wenn das Gegenüber wichtig für Dich ist oder wichtiger wird.

Differenzierung ist keine Eigenschaft, sondern ein lebenslanger Prozess. Wir können sie fördern durch konzentrierte Bemühungen (z.B. im Rahmen einer Therapie) oder durch die Bewältigung der Krisen, wie sie im Verlauf von Partnerschaften, Freundschaften oder im Umgang mit Mitgliedern der engeren Familie als Ausdruck dieses Entwicklungsprozesses sowieso zwangsläufig autreten.

Die vielen kleinen Schritte und die damit verbundenen Entscheidungen in diesem Entwicklungsprozess gehen weit über den Hedonismus von „Selbstfindung“ und "Selbstdarstellung" hinaus. Im Gegenteil kann dieser Prozess zeitweise recht langwierig und schmerzhaft sein. Echte Liebe ist nicht nur Zuckerschlecken. Echte Liebe ist manchmal hartes Brot. Differenzierung hilft uns dabei, diese Tatsache anzunehmen, den Sinn dahinter zu verstehen und den Prozess als solchen nach allen Möglichkeiten zu geniessen!

Fortsetzung folgt!

#Beziehung #Differenzierung #Selbsterkenntnis #Nähe #Distanz

167 Ansichten

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

© 2017 by Nicole Bloch. Proudly created with Wix.com